Und am Ende die Pietà

Die beeindruckenden Passionsspiele in Thiersee/Tirol

Am Anfang war das Bild: Aufregend gemalt, viel versprechend, rot und ins Auge fallend lag, was man heute „Flyer“ nennt, in Kufstein nahe bei Speck und Obstler. Groß also die Erwartung beim Betreten des Festspielhauses im wunderschönen Thierseetal. Ganz locker der Auftakt, alle Mitwirkenden in Alltagskleidern auf der Bühne, sehr jung bis sehr alt und immerhin etwa 250 Personen. So ganz mählich, unauffällig, unaufdringlich entwickelte sich in dieser, aus dieser Gruppe das Spiel, vom einzelnen ersten theatralischen Auftritt dynamisch sich steigernd bis zum wirklich vollen Einsatz aller unter der beeindruckenden Regie Diethmar Strassers von der Wiener Volksoper – ein Glücksfall fürwahr.Im Bühnenbild von Hansjörg Stock entstanden Bilder, die sich tief einprägen und im Auge, in den Sinnen bleiben als bildhaftes Erlebnis von außerordentlicher Intensität. So zum Beispiel das Abendmahl von Leonardo da Vinci und das zutiefst ergreifende, unendlich stille, unendlich traurige Schlußbild der Pietà von Michelangelo. Nicht zuvergessen die eindrucksvollen Bilder der Auftritte Satans, blitzartig schwarz vor flammenden Rot und so außerordentlich satanisch, an Mephistopheles in Gründgens Faust erinnernd. Andrea Költringers „Kostümbetreuung“(was genau mag das sein?), phantasievoll farbig und vielfältig, wirkungsstark ganz besonders bei den sehr gelungenen Massenszenen. Wenn Christus immer wieder zusammenbrechend das Kreuz diagonal über die Bühne schleift, tiefstes Leiden vermittelnd, dann hat das Spiel eine Intensität erreicht, in der man zu atmen versäumt. Die Kreuzabnahme gar, fast elegant, atemberaubend. Und wenn ein Apostel in der Pause in seiner nahen Konditorei die Sacher-Torte schneidet, an den Füßen noch die Sandalen des Apostel-Kostüms, dann begreift man staunend ein Stück des Doppellebens, das fast alle Bewohner dieses Ortes alle 6 Jahre führen, zur Passions-Spielzeit vom Mai bis in den Oktober dieses Jahres. Eine Leistung, für die man alle Mitwirkenden – den ganzen Ort mithin – nicht genug bewundern kann. >>> Noch bis zum 9. Oktober jeden Samstag und Sonntag; Tel. 0043.5376-5220, Telefax -2002419 G.E.

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